Wissenschaftsbericht
Quelle: Pexel

Die digitale Welt verstehen

… und Gründe wieso Noobs und Nerds sich nicht verstehen

Versuchen Nerds, also die Experten im IT-Bereich, den Noobs, also den normalen Alltagsanwendern digitaler Technologie, die digitale Welt zu erläutern, kommt es nicht selten zu Missverständnissen und Kommunikationsschwierigkeiten. Aber wieso ist das so?

Liegt es daran, dass Nerds Fachchinesisch sprechen oder sind die Noobs einfach zu unerfahren, um den Erklärungen des Nerds zu folgen? Ein Blick auf die Technikphilosophie der digitalen Werkzeuge mag ein erster Ansatz sein, der eine Ursachen für dieses Phänomen beschreibt. 

Das Kommunikationsproblem – Ein Beispiel aus dem Alltag 

Noob: „Meine Bank hat mir mitgeteilt, dass ich jetzt Online Banking nutzen kann, ich muss mich dafür nur einmalig registrieren. Klingt ja erstmal ganz praktisch, aber ist das denn auch sicher?“

Nerd: „Das ist immer so eine Sache und kommt drauf an. Weißt du, wie die TAN versendet wird?“ 

Noob: „Ich weiß leider nicht genau, das stand nicht im Brief oder ich habe es überlesen…“ 

Nerd: „Also man muss da immer unterscheiden, zwischen App-TAN, TAN-Generator und SMS-TAN… Aber ist auch nicht so wichtig. Willst du denn mit dem Smartphone oder dem PC überweisen?“

Noob: „Mhm, ja eigentlich online… Weiß nicht genau, mit welchem Gerät. Geht denn nicht beides?“ 

Nerd: „Natürlich geht beides, aber ist nicht unbedingt gleich sicher! Wenn du mit dem Smartphone beim Einkaufen im öffentlichen, nicht geschützten WLAN Onlineüberweisungen durchführen magst, ist das echt nicht klug. Zu Hause am PC, der mit dem Kabel im Netz ist, sieht das aber dann schon anders aus. Letztlich kommt’s aber auch drauf an, ob du deinen PC schützt. Welches Betriebssystem nutzt du? Hast du einen Virenscanner? Ist ein Passwort auf dem Rechner? […]“

An dieser Stelle überlasse ich den Lesern sich den weiteren Gesprächsverlauf auszumalen. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie das Gespräch weitergeht und welches Ergebnis es hat: Der Noob ist verunsichert, das Gespräch ergebnislos. Aber wo liegen Gründe für diese Kommunikationsprobleme und wieso sind die Ursachen weder bei den Noobs noch bei den Nerds zu suchen?  Liegt es am fachchinesisch der Nerds, an fehlendem Wissen der Noobs oder liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen?

Theoriehintergründe

Quelle: Pexels
Digitale Artefakte begegnen uns täglich.

Gegenstände, welche für eine bestimmte Anwendung entwickelt oder genutzt werden, werden häufig unter dem Begriff Artefakte zusammengefasst. Anders ausgedrückt sind Artefakte also all das, was vom Menschen geschaffen oder für einen bestimmten Zweck eingesetzt wird. Beispiele für Artefakte sind das Lineal, ein Auto, aber auch ein Stein der als Hammer genutzt wird. 

Mittlerweile gibt es allerdings neben den klassischen Artefakten auch die digitalen Artefakte. Digitale Artefakte sind solche, die entweder völlig digital (z.B. Apps) oder zu Teilen digital (z.B. das Smartphone) realisiert sind. Die digitalen Artefakte weisen dabei besondere Eigenschaften auf, die sie von den anderen Artefakten abgrenzen und die einen Ansatz bieten können,  um das Kommunikationsprobelem zu Teilen zu erklären. So bestehen sie immer aus einem schnell wahrnehmbaren Teil (z.B. der Benutzungsoberfläche einer App oder den Knöpfen einer Fernbedienung) und einem internen, meist nicht direkt sichtbaren Teil (z.B. dem Programmiercode, verwendeten Algorithmen oder den verbauten Chips).  

Der einfach wahrnehmbare Teil steht dabei in direkter Verbindung zum Zweck oder den Funktionen, die das digitale Artefakt erfüllt. Der versteckte Teil hingegen ist der Aufbau der Technik, der sogenannten Architektur des digitalen Artefaktes, die für die zweckdienliche Nutzung notwendig ist. Im Falle eines Navigationsgerätes ist beispielsweise einer der möglichen Zwecke, schnell und unkompliziert von A nach B zu navigieren. Die Architektur des Artefaktes beschreibt dann zum Beispiel die Algorithmen, die den schnellsten Weg berechnen; den technischen Aufbau des Touchscreens und den Aufbau des Lautsprechers, der die Navigationskommandos ertönen lassen kann. Diese Zweiteiligkeit des Artefaktes wird häufig als Dualität bezeichnet und sie bildet die duale Natur digitaler Artefakte [De Ridder, Kroes]. 

Zwecke des digitalen Artefakts 

Der Zweck (bzw. die Zwecke) eines digitalen Artefaktes ist nur subjektiv beschreibbar und kann somit nicht allgemeingültig definiert werden. Kurz gesagt hängt er von der subjektiven Wahrnehmung des Nutzers ab. Jeroen Der Zweck (bzw. die Zwecke) eines digitalen Artefaktes ist nicht rein objektiv beschreibbar und steht in direkter Verbindung mit der Nutzungsintention. Er kann somit nicht allgemeingültig definiert werden und variiert von Benutzer zu Benutzer. Kurz gesagt hängt er von der subjektiven Wahrnehmung des Nutzers ab, der ihm diesen Zweck zuschreibt. Jeroen De Ridder führt im Rahmen seiner Dissertation zu Beginn das Beispiel eines Zollstockes ein, der für einen Großteil der Nutzer den Zweck erfüllt, Distanzen zu messen. Andere Personen nutzen ihn aber beispielsweise auch als Lineal oder als Briefbeschwerer, wodurch sich der Zweckdes Zollstockes für diese Personen ändert. 

Architektur des digitalen Artefakts 

Im Gegensatz zu den sehr subjektiven Zuschreibung verschiedener Zwecke des Artefaktes, steht die Architektur eines digitalen Artefaktes, denn diese kann objektiv beschrieben und analysiert werden. Die Frage wie ein digitales Artefakt funktioniert, kann durch die genaue Betrachtung der technischen Umsetzung beantwortet werden. So können bei einem Smartphone die einzelnen Bauteile benannt, die verschiedenen verbauten Materialien beschrieben und gleichzeitig auch auf die Software eingegangen werden, indem einzelne Apps genauer beleuchtet werden. Darüber hinaus können genutzte Softwarebibliotheken oder Schnittstellen erläutert und, wenn man ganz ins Detail geht, auch die einzelnen Algorithmen, den Maschinencode oder die Speicherzustände beschrieben werden. 

Quelle: Pixabay
Programmcode: einer der vielen verdeckten Eigenschaften, die digitale Artefakte prägen.

Das digitale Artefakt verstehen 

Um ein digitales Artefakt als Gesamtes verstehen zu können, gilt es sowohl die Zweckzuschreibungen und die Architektur als auch den Zusammenhang dieser beiden Perspektiven zu verstehen. Für viele Nerds ist dies ganz offensichtlich und klar, weshalb sie das Bedürfnis verspüren, genau diesen Zusammenhang mit einem Fokus auf die Architektur zu betonen. Noobs hingegen sind sich dieser Tatsache entweder nicht bewusst, weshalb sie diese Argumentation nicht erwarten oder vermuten diesen Zusammenhang zwar, können ihn aber nicht konkret erklären. 

Jeroen de Ridder schreibt, dass ein Designer eines Artefaktes die interpretierende Perspektive auf den Zweck des Artefaktes, die objektive Perspektive auf die Architektur des Artefaktes und vor allen Dingen die Zusammenhänge zwischen den beiden Perspektiven genau beschreiben kann. Er begründet es damit, dass der Designer den Designprozess geleitet hat. Dieser Designprozess stellt einen Transfer der interpretierenden Perspektive des Zweckes (also sozusagen der Produktidee , „was/welche Probleme soll dieses Artefakt lösen/verbessern?“) in die objektive Perspektive der Architektur des Artefaktes (also sozusagen dem Endprodukt, „Wie kann es aufgebaut und realisiert werden?“) dar. Im Falle des Nerds kann natürlich nicht davon ausgegangen werden, dass er der Designer des Onlinebankingportals ist. Allerdings hat er sich das Design und dahinterliegende Paradigmen so sehr angeeignet, dass er über die Zusammenhänge ähnlich kompetent sprechen kann.

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Technikprofis stehen beruflich, aber auch privat nicht selten vor der schweren Aufgabe, komplexe Sachverhalte verständlich zu vermitteln.

Zusammengefasst kann festgestellt werden: Offenbar sprechen Nerds, aus guten Gründen, über die kontextrelevanten technischen Details, um den Sachverhalt zu verstehen – im Onlinebanking-Beispiel von oben also beispielsweise die verschiedenen Gefährdungen, die die Sicherheit einer Onlineüberweisung beeinflussen können wie das Nutzen eines öffentlichen WiFi-Hotspots. Bei den Noobs hingegen beschränkt sich das Interesse und meist auch das Verständnis häufig auf die Nutzbarkeit und den Zweck, den die digitalen Tools für sie erfüllen.  
 
Nerds reden also von technischer Umsetzbarkeit, von dem „Versteckten“, nicht direkt Wahrnehmbaren. Somit haben Noobs häufig das Gefühl, dass Nerds „auf magische Weise“ das digitale Artefakt verstehen und tun sich schwer dabei, den Erläuterungen zu folgen, da ihnen das „Geheimwissen“ der Nerds fehlt. Als Spätfolge wäre dann denkbar, dass auf Dauer ein Gefühl der Überforderung im Umgang mit und hinsichtlich des Verstehens von digitalen Artefakten entsteht. 

Noobs suchen und erwarten auf der ihnen bekannten Seite, also dem Einsatzzwecks oder der Nutzungsschnittstelle des digitalen Artefaktes, Antworten. Sie wollen praktische, nützliche und schnelle Auskünfte, während Nerds die Notwendigkeit empfinden, das Verständnis über technische Details zu fördern, um die Komplexität des Sachverhaltes darzustellen und so beispielsweise die Gefahr des Online-Bankings in aller Breite verständlich zu machen. Dies geschieht dann aber häufig, ohne direkte Bezugnahme auf den die Zwecke, die das digitale Artefakt erfüllt, weshalb die Noobs die Argumentation und Begründen der Nerds nicht nachvollziehen können, da sie nicht adressatengerecht Inhalte vermittelt bekommen. In der Praxis ist dies aber häufig ein Grund dafür, dass es statt „gut“ nur „gut gemeint“ wurde. Im Kontext von IT-Sicherheitsfortbildungen kann dies ungewollte Wechselwirkungen bedeuten, die die Sicherheit unter Umständen sogar gefährden.

Eine entsprechend sinnvolle Maßnahme für die Unternehmenspraxis ist beispielsweise der Einsatz eines Mediators, der das Ziel hat, diese ganz natürlich auftretenden Kommunikationsschwierigkeiten aufzuarbeiten sowie die Noobs und Nerds dabei zu unterstützen, sich zu verständigen. Denn auf Grund der dualen Natur digitaler Artefakte und digitaler Infrastruktur sind Missverständnisse vorprogrammiert, wenn beispielsweise bei der Planung neuer Infrastruktur keine klare Trennung zwischen dem technischen Aufbau und den zu erfüllenden Zwecken in den Planungsgesprächen stattfindet.

Dieser Blogbeitrag entstand zu Beginn der Projektlaufzeit und gibt Einblicke, mit welchen, zum Teil unbekannten, Schwierigkeiten Personen im digitalen Alltag zu kämpfen haben. Er dient einerseits zur Information von Personen, die am Thema interessiert sind und soll andererseits verdeutlichen, wie komplex die Sachzusammenhänge rund ums Thema IT-Sicherheit seien können.

Verweise 

De Ridder, J. (2007). Reconstructing design, explaining artifacts: Philosophical reflections on the design and explanation of technical artifacts
Kroes, P. (2002). Design methodology and the nature of technical artefacts. Design Studies, 23(3), 287–302. https://doi.org/10.1016/S0142-694X(01)00039-4


Autor:

Lutz Terfloth

Wissenschaftliche Mitarbeiter
Arbeitsbereich Didaktik der Informatik


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