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Im Interview
Im Interview

„Die unterschiedlichen Perspektiven machen den Mehrwert aus.“ 

IM INTERVIEW DOROTHEE MEISTER, GUDRUN OEVEL & CARSTEN SCHULTE 

In den Zeiten von Industrie 4.0 prägt die Informationstechnik zahlreiche betriebliche Prozesse. So digitalisieren auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) interne Geschäftsprozesse und bieten ihren Kunden und Geschäftspartnern darüber hinaus neue digitale Services an. Mit dieser wachsenden Digitalisierung wird jedoch auch die Bedeutung von IT-Sicherheit immer wichtiger und gerade KMU haben Bedarf, ihre IT-Sicherheit zu verbessern. Hierbei stehen sie jedoch vor besonderen Herausforderungen, denn die praktische Umsetzung der Maßnahmen scheitert oftmals aufgrund mangelnder Ressourcen – es fehlt an Zeit, Geld und den spezifischen Fachkenntnissen. 

Unser Projekt „KMU. Einfach Sicher.“ begegnet diesen Herausforderungen mit einer Weiterbildungsplattform, die spezifische Angebote für die Zielgruppe bietet und auf deren Bedürfnisse eingeht. Diese Plattform bietet Weiterbildungsangebote, mit denen man sich auch ohne IT-spezifisches Fachwissen individuell weiterbilden kann. Dazu gehören beispielsweise Schulungsmodule mit multimedial aufbereiteten Inhalten, die auf die Bedürfnisse der Lernenden ausgerichtet sind. 

Entwickelt wird die Plattform innerhalb einer kollaborativen Zusammenarbeit eines interdisziplinären Projektteams bestehend aus Wissenschaftlerinnen des SICP – Software Innovation Campus Paderborn, Akteurinnen der Didaktik der Informatik, des Zentrums für Informations- und Medientechnologien (IMT), der Medienpädagogik und empirischen Medienforschung, dem Technologienetzwerk InnoZent OWL e.V. sowie der coactum GmbH. Das nachfolgende Interview verdeutlicht die Perspektiven der verschiedenen Disziplinen und die Mehrwerte, die durch deren Kombination entstehen. 

Herr Schulte, Sie sind Leiter der Didaktik der Informatik (DDI) an der Universität Paderborn. 
Welche Rolle haben Sie in diesem Projekt und von welcher Relevanz ist die DDI?

Carsten Schulte: Unsere Rolle ist die Bereitstellung sowie die Entwicklung von didaktischen beziehungsweise informatikdidaktischen Tipps und Tricks, man könnte auch sagen: Richtlinien für die Konzeption der einzelnen Module innerhalb des Angebotes der Weiterbildungsplattform. Daneben sind wir verantwortlich für das Schließen einer Lücke in vielen bekannten oder klassischen Ansätzen: Diese richten sich oft entweder an den Menschen und geben Tipps, wie man sich im Netz sicherer verhält, oder sie erklären aus technischer Sicht, welche Sicherheitsmaßnahmen erforderlich sind. 
Wir versuchen, die menschenzentrierte Perspektive mit der technikzentrierten Perspektive zu verknüpfen. Das ist vielleicht eine erste Besonderheit. Zudem schauen wir uns die Interaktion zwischen Mensch und Technik genau an, d. h., wir versuchen im Kontext der Nutzung – hier also in KMU – Ansatzpunkte zu finden, die Menschen zu einem sicheren Verhalten bewegen, indem wir die Motivation für die Interaktion und die Ziele der Interaktion mit einbeziehen. Das führt dazu, dass wir aus einem anderen Blickwinkel auf das Thema Sicherheit schauen. Wie genau sich dies gestaltet, wird hoffentlich in den sich entwickelnden Modulen erfahrbar werden. 

Das Zentrum für Informations- und Medientechnologie (IMT) ist die Anlaufstelle bei Anliegen oder Fragen zur Forschung und Lehre, die mit der Informationstechnik (IT) oder Medientechnik zusammenhängen.
Frau Oevel, können Sie erläutern, wie genau sich das IMT dabei in das Projekt integriert?

Gudrun Oevel: Das IMT und mich persönlich interessieren die praktischen Fragen der IT-Sicherheit. Dies betrifft zum einen die Themenauswahl – bei welchen Themen sehen wir die meisten Gefährdungen und wollen mit Informationen gegensteuern. Zum anderen ist für uns auch interessant, ob wir unsere Zielgruppen erreichen und ob sich das erstellte Material bspw. auch für den Einsatz an unserer Universität lohnt. Auch wir stehen wie KMU unter permanenter Bedrohung durch Unachtsamkeit und gezielte Hackerangriffe auf bspw. Passwörter oder andere vertrauliche Daten.

Frau Meister, als Leiterin der Medienpädagogik und empirischen Medienforschung am Institut für Medienwissenschaften befassen Sie sich mit medienspezifischen Aspekten im Kontext von Sozialisation, Erziehung und Bildung. Dabei bilden Forschungsfragen zum Einfluss digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien in Lern- und Bildungskontexten einen Schwerpunkt.
Welches Interesse hat die Medienpädagogik und empirische Medienforschung im Projekt?

Dorothee Meister: Im Projekt „KMU. Einfach Sicher.“ geht es konkret um die Frage, welche Schwächen in Teilbereichen der Medienkompetenz bei Personen vorliegen und wie diesen mediengestützt begegnet werden kann. Es geht uns darum, wie ein medienkompetentes Handeln bei scheinbar unübersichtlichen technischen Fragen, wie etwa von Datensicherheit, am besten vermittelt werden kann.
Es geht also nicht um einfaches Rezeptwissen, sondern um die Fähigkeit, kritisch und kompetent in unsicheren Situationen handeln zu können und damit auch Resilienz zu erwerben. Dazu werden Weiterbildungsangebote interdisziplinär entwickelt, wobei wir die mediendidaktische Umsetzung übernehmen. Dabei ist für uns besonders interessant, wie Weiterbildungsangebote mit dem Ziel einer nachhaltigen Sicherheitskultur innerhalb des Unternehmens für Beschäftigte in KMU medial gestaltet werden können
.

Wie funktioniert eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen der Didaktik der Informatik, dem IMT und der Medienpädagogik und empirischen Medienforschung? Warum ist diese Zusammenarbeit erfolgversprechend? Und worin besteht der Mehrwert durch die Kooperation mit dem SICP –Software Innovation Campus Paderborn? 

Meister: Für uns ist es ein spannender Arbeitsprozess, bei dem wir unseren Forschungsansatz der gestaltungsorientierten Bildungsforschung durch den interdisziplinären Kontext weiterentwickeln können. Wir beziehen dabei von Anfang an die Zielgruppe in den Entwicklungsprozess mit ein. Der Einsatz von unterschiedlichen Methoden, angefangen von Online-Umfragen bis hin zu Interviews, ermöglicht uns eine stetige Weiterentwicklung der Weiterbildungsplattform. Wir diskutieren diese gemeinsam mit den Nutzer*innen und dem Projektteam und können so gemeinsam das mediendidaktische Design und die Inhalte ständig verbessern. Durch die Anregungen der Didaktik, des IMT und im Rahmen des SICP entsteht ein sehr abgestimmtes und konsensuelles Produkt, das alle Beteiligten alleine so nicht schaffen könnten.

Oevel: Den Aussagen von Frau Meister kann ich mich nur anschließen.  
Die unterschiedlichen Perspektiven machen den Mehrwert aus. Beispielsweise neigen wir Techniker*innen immer dazu, Sachverhalte technisch darzustellen. Das ist zwar fachlich korrekt, hilft aber auch oft wenig, da Menschen bei zu viel „Technikgeschwätz” häufig nicht weiterlesen oder es auch nicht verstehen können. Hier lernen wir viel über die richtigen Zugänge, um unser Fachwissen zu vermitteln. 

Schulte: Durch die Zusammenarbeit im Team können wir uns aus der Informatikdidaktik im Grunde viel besser auf unser Kerngeschäft konzentrieren: die Fragen, WEM soll ich WAS, WOZU vermitteln? Die Kooperation hilft uns aber auch in unserem Kerngeschäft selbst, da wir die Ideen und Entwicklungen im Team gemeinsam kritisch diskutieren und verbessern. Der SICP ist für uns einerseits durch die Organisation und das Management dieses Prozesses sehr hilfreich. Andererseits profitieren wir ebenso durch die Kontakte zum Feld sowie über das Technologienetzwerk InnoZent OWL. Wir arbeiten ja normalerweise mit Lehrkräften und Schüler*innen , da geht es jedoch eher darum, welche informatische Bildung man später im Alltag benötigt.
Im Projekt arbeiten wir direkt mit den Menschen in ihrem beruflichen Alltag zusammen und können sehen, welche (informatischen) Konzepte, Fähigkeiten und Sichtweisen wichtig für den sicherheitsbewussten Umgang mit IT sind.

Als Lernplattform bietet KMU. Einfach Sicher. unter anderem individuelle Schulungsmodule.
Wenn ein Blick auch über das Projekt hinausgeworfen wird, welche wichtigen Punkte müssen/sollten moderne Weiterbildungsplattformen beinhalten?

Meister: Für moderne Weiterbildungsplattformen ist es zentral, dass sie interaktive Möglichkeiten für die Lernenden bieten und damit vielfältige Formen der Kommunikation und des Feedbacks ermöglichen. Inhaltlich ist zu beachten, dass die Lerninhalte auf den Bedarf der Zielgruppe und die Lernsituation abgestimmt sein sollten und damit Lernziele transparent machen. Der Bezug zur Lebensrealität der Lernenden ist sehr wichtig für einen erfolgreichen Transfer der Weiterbildungsinhalte in den Alltag. 

Oevel: Diesen Aspekten stimme ich absolut zu. Aus meiner Sicht erscheint es mir auch wichtig, dass Plattformen nicht zu starr sind, sondern unterschiedliche Interaktionsmöglichkeiten und somit
auch technische Flexibilität bieten. Nur so ist es möglich, auch auf unterschiedliche Lerntypen einzugehen und immer wieder anregende Umgebungen zu schaffen.

Schulte: Aus inhaltlicher Perspektive könnte man noch ergänzen, dass solche Angebote versuchen sollten, die aktuellen Anforderungen und technischen Systeme so zu berücksichtigen, dass das Gelernte auch anwendbar ist – und gleichzeitig aber auch etwas tiefergehendes Konzeptwissen zu vermitteln, sodass das Weiterlernen für die nächste Version der Software bzw. die nächste IT-Generation zumindest anschlussfähig bleibt. Wir nennen das den Entwicklungspfad der Technik einbeziehen.

Was können Plattformen im Gegensatz zu klassischen Seminaren leisten?
Was sind Vor- und eventuell auch Nachteile, auch in Hinblick auf die Zukunft und das Fortschreiten der Digitalisierung?

Meister: Plattformen bieten die Möglichkeit, zeitlich und räumlich unabhängig zu lernen sowie vielfältiger medialer Angebote und Interaktionsmöglichkeiten. Was oft fehlt, ist die Verbindlichkeit einer Gruppe und damit auch die soziale Eingebundenheit. Auch kann es Lernenden schwerfallen, die Selbstdisziplin und die Selbststeuerung aufzubringen, um eine Lerneinheit durchzuarbeiten und abzuschließen. Die Weiterentwicklung neuer Medien kann genutzt werden, um Bildungs- und Lernwege neu zu strukturieren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Fehler bei der Planung nicht, wie bei klassischen Seminaren, durch Spontanität ausgeglichen werden können und damit die
zielgruppenspezifische Gestaltung von Bildungsmedien elementar ist. Nicht zu unterschätzen ist dabei, dass die Weiterentwicklung der Medienkompetenz der Lehrenden und Lernenden immer wieder gefragt ist.

Oevel: Ergänzend möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass es sich bei dieser Frage auch um eine Altersfrage handelt. Für Menschen unter 30 ist die Online-Welt eine Welt, in der sie sich oft aufhalten und deren Flexibilität und Möglichkeiten sie schätzen. Lernumgebungen kommen da oft noch etwas „verstaubt” daher. Es ist aus meiner Sicht wichtig, mit den aktuellen Möglichkeiten Schritt zu halten und ein ansprechendes Online-Lernen zu gestalten. Das Lernen ist anstrengend genug, dann sollte die Technik wenigstens intuitiv zu bedienen sein und die Neugierde unterstützen.

Schulte: Ich persönlich glaube auch, dass diese Art der Plattformen es deutlich einfacher machen, am Ball zu bleiben – sowohl für die Lernenden als auch für die Kursentwickler*innen, die mit neuen Inhalten und Kurskonzepten ja auch in der Fläche sichtbar werden möchten.


Prof. Dr. phil. Dorothee Meister 
Institut für Medienwissenschaften 

dm@upb.de
Tel.: +49 5251 60-3723 

Prof. Dr. Gudrun Oevel
Zentrum für Informations-/Medien-
technologie (IMT)
gudrun.oevel@upb.de
Tel.: +49 5251 60-2397

Prof. Dr. Carsten Schulte 
Didaktik der Informatik (DDI) 

carsten.schulte@uni-paderborn.de
Tel.: +49 5251 60-6343 

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